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1. Struktur von Gedichten
Gedichte sind Texte, die formal in einem besonders hohem Maße ausgearbeitet sind. Die inhaltliche Bedeutung des Gedichtes wird dabei meist durch sprachliche Auffälligkeiten (Vers, Strophenform, Klang, Reim usw.) verstärkt.
Inhalt und Form des Gedichts bilden damit eine Einheit: Das eine bedingt oft das andere. Dies sollte auch in der Gedichtinterpretation berücksichtigt werden!
1.1 Strophen- und Gedichtformen
Besonders wenn die Strophen- oder Gedichtform tradierten Mustern entspricht, kann sie ein bedeutungsgebendes Element sein.
| Traditionelle Gedichtformen | |
|---|---|
| Sonett |
Es besteht aus 14 Zeilen, die in zwei Quartette (Vierzeiler) und zwei Terzette (Dreizeiler) geliedert sind. Für die Quartette ist der umarmende Reim vorherrschend (abba), für die Terzette gibt es verschiedene Reimschemata (z.B. ccd/eed: cdc/ded; cde/cde) Die Versform des Sonetts ist oft der Alexndriner (sechshebiger Jambus mit Zäsur nach der dritten Hebung) Inhaltlich findet sich im Sonett oft eine Antithese; Der letzte Vers enthält oft eine Schlussfolgerung des Gesagten. Das Sonnet wurde vor allem im Barock häufig verwendet. |
| Hymne |
Ein feierlicher Preisgesang ohne formale Regelmäßigkeiten: kein Reim, keine Rhythmen, kein fester Strophenbau. |
| Lied |
Gedicht in Stophenform mit relativ kurzen Versen, Reim und Metrum werden oft nicht streng durchgehalten; oft mit Refrain |
| Ode | Reimlose, strophisch gegliederte lange Gedichtform; hoher pathetischer Sprachstil |
| Elegie | Klagelied in schwermütiger Stimmung |
| Traditionelle Strophenformen | |
|---|---|
| Verspaarkette |
Eine Folge von Paarreimen (aa/bb/cc) |
| Sestine | Sechsteilige Strophe mit regelmäßig wiederkehrenden Reimschema (z.B. ababcc) |
| Liedstrophe | Vierzeilige Strophe mit der Tendenz zu alternierendem Metrum (Wechsel von betonten und unbetonten Silben) und Reimbindung mindestens zweier Verse (z.B. abac) |
1.2 Vers
Lyrische Texte sind immer in Versen abgefasst. Verse ermöglichen die Akzentuierung von Wörtern durch ihre besondere Stellung (Versanfang oder -ende) und geben dem Text durch die bewusste Umbruchgestaltung zusätzlichen Sinngehalt.
1.2.1 Verhältnis von Vers und Satz
| Verhältnis von Vers und Satz | |
|---|---|
| Zeilenstil | Satzende und Versende stimmen überein |
| Enjambement/ Zeilenumbruch |
Der Satz überspringt das Versende (Zielensprung) und setzt sich im nächsten Vers fort |
| Hakenstil | Mehrere Enjambements hintereinander, die Verse scheinen ineinander verhakt zu sein |
1.2.2 Versmaß/Metrum
Unter einem Versmaß versteht man einen bestimmten, regelmäßigen Wechsel von betonten und unbetonten Silben.
Fallende oder steigende Versmaße beienflussen den Hör- und Leseprozess.
| Versmaße (X = Hebung, x = Senkung) | ||
|---|---|---|
| Jambus (steigend) | xX | z.B. Verbot, Gedicht |
|
Trochäus (fallend) |
Xx | z.B. Rose, Dichter |
| Anapäst | xxX | z.B. Paradies, Malerei |
| Daktylus | Xxx | z.B. Neulinge, Königin |
| Alexandriner | auftaktiger Vers mit sechs Hebungungen (sechsfüßiger Jambus) | z.B. |
| Hexameter | ||
1.2.3 Kadenzen
Unter der Kadenz versteht man die Betonung auf der letzten Silbe. Ist die letzte Silbe im Vers betont liegt eine männliche Kadenz vor, ist sie unbetont, handelt es sich um eine weibliche Kadenz.
1.2.4 Rythmus
Rhythmus ist der dem Sinn entsprechende Wechsel von betonter und unbetonter Silbe; der Rhythmus kann zum Versmaß im Widerspruch stehen. Die Rhythmisierung kann fließend, wogend, hüpfend, schreitend oder zerhackt sein und dadurch den Verständnisprozess beeinflussen.
Beispiel:
Es wallt das Korn weit in die Runde,
und wie ein Meer dehnt es sich aus.
Metrum: Jambus
Es wallt das Korn weit in die Runde,
und wie ein Meer dehnt es sich aus.
Rhythmus:
Es wallt das Korn weit in die Runde,
und wie ein Meer dehnt es sich aus.
1.3 Reim
Der Reim ist der Gleichklang zweier Wörter bei verschiedenem Anlaut.
| Reimformen | ||
|---|---|---|
| Reime nach der Stellung im Vers: | ||
| Endreim | genauer Gleichklang der Versenenden von der letzten betonten Silbe an (siehe Endreimschemata) | Ich trällere Triolen – Mich soll der Teufel holen |
| Anfangsreim | Gleichklang der ersten Wörter zweiter Verse | |
|
Binnenreim |
Gleichklang zwei oder mehrer Wörter in ein und demselben Vers | |
| Schlagreim | Gleichklang zweier unmittelbar aufei Wörter | Als ob es taußend Stäbe gäbe. (R.M.Rilke) |
| Reime nach klanglicher Struktur: | ||
| Reiner Reim | Gleichklang von Wörtern von dem letzten betonten Vokal an | |
| Unreiner Reim | ungenauer oder unvollkommener Gleichklang | Die Blätter an den Bäumen kann man zählen. An manchen Zweigen schaukeln nur noch drei. Der Wind wird kommen und auch diese stehlen. Er stiehlt und findet nichts dabei.
|
| Assonanz | UnreinerReim, bei dem nur die Vokale, nicht aber die Konsonanten übereinstimmen | sagen-Rabe |
| Schüttelreim |
Ein Schüttelreim ist ein Doppelreim mit zwei Anfangslauten oder -lautgruppen, die den Platz tauschen. |
Bleich erglühen gleich erblühen. |
| Reime nach Silbenzahl: | ||
| männlich (= stumpf, stark) | beide Zeilen enden auf einer reimenden, betonten Silbe (einsilbiger Reim) |
Es stand vor eines Hauses Tor (W. Busch) |
| weiblich (= klingend, schwach) | beide Zeilen enden auf reimenden Silben, die erste Silbe ist betont, die zweite unbetont (zwei- oder mehrsilbige Reime) |
Womit man denn bezwecken wollte, (W. Busch) |
| Endreimschemata: | ||
| Paarreim | aabb |
Mann der Arbeit, aufgewacht! |
| Kreuzreim | abab |
Ist es möglich! Stern der Sterne, |
| umarmender Reim | abba |
Ein reiner Reim ist sehr begehrt, (J.W. Goethe) |
| Schweifreim | aabccb | |
| dreifache Reimreihe | abcabc |
Aber unten liegt ein Land, Marmorstirn und Brunnenrand (H. V. Hofmannsthal) |
| Haufenreim | aaa... |
Augen, meine lieben Fensterlein, (G. Keller) |
→ Die lautliche Ebene (Metrum, Rhythmus, Reim) ist eine der wichtigsten Bedeutungsträger eines lyrischen Textes.
2. Sprache
Sinnbildend für einen Text ist auch die verwendete Sprache. Analysiert man die sprachliche Ebene eines Gedichts ist zu achten auf:
- Sprachniveau (Hochsprache, Umgangssprache, Fachjargon, usw.)
- Wortfelder (aus dem Bereich der Technik, der Verwaltung, der Natur, usw.)
- Sprechweisen (pathetisch, ironisch, belehrend, gefühlvoll, usw.)
- Syntax: Unterscheidung zwischen parataktischem Stil (einfache, nebengeordnete Sätze) und hypotaktischem Stil (komplexe Satzgefüge aus über- und untergeordneten Sätzen)
- Bildlichkeit (1. rational mit Wie-Vergleichen, 2. verständlich mit einfachen, alltäglichen Methaphern, 4. chiffrenhaft mit Methaphern, die sich nur aus dem Zusammenhang des Gedichts oder dem gesamten Gedichtezyklus des Autors errschließen; zu analysieren sind Vergleiche, Metaphern, Symbole, Chiffren und Embleme)
- rhetorische Figuren (siehe dazu Kurs Deutsch 11. Klasse Gymnasium Bayern)
Generell gilt die Frage zu beantworten: Was fällt bei dem Gedicht besonders auf? (z.B. sehr viele Adjektive, Häufung von Substantiven, Häufung bestimmter Begriffe oder Bilder, ungewöhnlicher Satzbau mit vielen Inversivstellungen, Häufung von bestimmten Lauten...)
